Die Stadt und die Frauen

Stuttgarts starke Frauen

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts traten in Stuttgart bemerkenswerte Frauen in die Öffentlichkeit: Politikerinnen wie Clara Zetkin und Elly Heuss-Knapp, Gattin des Bundespräsidenten und Gründerin des Muttergenesungswerkes, die Naturschützerin Lina Hähnle, die Ärztin Else Kienle, die Widerstandskämpferin Liselotte Herrmann, die Fotografin Regi Relang.

Unangepasste, mutige Frauen, die tiefe Spuren in der Stadt und der Welt hinterlassen haben. Der Reigen reicht bis in die Gegenwart.

 

Jella Lepman (1892-1970)

„Kinder kennen keine Vorurteile, sie spotten der von Menschen gezimmerten Barrieren.“
Nach eigener Einschätzung lebte die aus jüdischem Stuttgarter Elternhaus stammende Jella Lepman mehrere Leben: als glückliche Ehefrau, verwitwete, alleinerziehende Mutter, Journalistin, Buchautorin, Politikerin. 1936 emigrierte sie mit Sohn und Tochter nach England, mit der amerikanischen Militärregierung kehrte sie 1945 nach Deutschland zurück. … nun startete sie eine bespiellose Aktion, die zu einer der ersten internationalen Versöhnungsgesten mit Deutschland wurde – weil sie an die Kinder und an die Macht des Buches glaubte.
(…)

Vom 3. Juli bis zum 3. August 1946 zeigte Jella Lepman im unzerstört gebliebenen Haus der Kunst in München die erste internationale Ausstellung in Nachkriegsdeutschland. Der deutsche Teil der Präsentation bestand aus privaten Sammlungen antiquarischer Kinderbücher. Die Kinderbücher der NS-Zeit waren aussortiert worden. Über den Vitrinen hingen Kinderzeichnungen: „Jeder Zentimeter Raum, jeder Farbstrich eine Kostbarkeit. Ängstlichkeit statt Schwung, Müdigkeit statt Kraft und welche Aussage: Ruinen über Ruinen, Unterstände mit aneinander gedrückten Miniaturfiguren, Flüchtlingsszenen, zerbrochene Brücken. Ein Brotlaib übergroß, von dem man sich im Wunschtraum Scheibe nach Scheibe abschnitt, Aschenbrödel im Märchenkleid auf einer Hochzeit. (…) Einmal näherte sich mir eine alte Dame mit einem Kind an der Hand und fragte: >Gibt es ein Märchenbuch ohne Hänsel und Gretel? < Was für eine seltsame Frage! >Die Eltern des Kindes sind in Auschwitz umgekommen, die Gasöfen von Auschwitz, der Backofen der Hexe, ich zittere vor dieser Gedankenverbindung. Das Kind selbst war im Lager und ist durch ein Wunder davongekommen.“

Die Ausstellung wurde ebenso in Stuttgart, Frankfurt, Hannover, Braunschweig und Hamburg gezeigt.

 

Starke Fraue 02