Frauen erobern die Kunst

Stuttgarter Damenklasse. Künstlerinnen auf dem Weg in die Moderne

Kunst, seit der Renaissance als genuiner Akt der Schöpfung, verehrt, war bis ins 20. Jahrhundert eine Männerdomäne. Kampfgeist, Talent und Mut – das brauchten daher jene Frauen, die um 1900 qualifizierte staatliche Ausbildung und Teilhabe am Markt verlangten. Sie wollten nicht länger Miniaturbildnisse und Blumenstillleben malen, sondern verlangten nach den großen Formaten, der Landschaft, dem Historienbild. Für letzteres mussten ihnen Aktstudien gewährt werden, auch männliche. Ein Skandal! Nicht so in Stuttgart: Als einer der ersten Orte in Deutschland ließ die Königliche Kunstsschule Frauen zu und bildete sie sechs Jahre lang aus. Mit Adolf Hölzels legendärer Damenklasse entwickelte die Stadt sich zum Zentrum einer auch weiblichen Avantgarde.

 

„Aufruf an die Kunsttreibenden Damen Stuttgarts“

Für die erfolgreiche Stuttgarter Blumenmalerin Anna Peters war es eine Selbstverständlichkeit, dass eine professionelle Künstlerin von ihrer Arbeit leben können musste. Dabei ließ sie es aber nicht bewenden. Sie solidarisierte sich mit ihren Kolleginnen. Seit 1880 war sie Mitglied des Vereins der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen zu Berlin. Und sie reagierte auf die sich verschlechternden Bedingungen der Stuttgarter Akademie, als sie 1892 zusammen mit der Malerin Sally Wiest (1866-1952) und der Kunsthandwerkerin Magdalene Schweizer (1858-1923) den Württembergischen Malerinnen-Verein ins Leben rief. Anna Peters war zu diesem Zeitpunkt 50, Magdalene Schweizer 35 und Sally Wiest 27 Jahre alt. …

Dieser Verein sollte „denjenigen Damen, die sich der Kunst geweiht und solche als ihren Lebensberuf erwählt haben, oder sich auch als Dilettanten mit derselben zur Erheiterung ihres Lebens beschäftigen, die Möglichkeit und Gelegenheit zu gegenseitiger Unterstützung in ihrem Schaffen und gegenseitiger Unterstützung in ihren Bestrebungen (…) geben. Man müßte ein Atelier besitzen, um abwechslungsweise Modelle zu stellen, für Portraits, ganze bekleidete Figuren und Akte, vorerst nur mit Korrektur der Damen untereinander, später, wenn es die Mittel erlauben und die nöthigen Fonds vorhanden sind mit Korrektur des Professors. (…) Einigkeit macht stark!“

Am 25. Februar 1893, dem Geburtstag König Wilhelms II., gründete sich der Württembergische Malerinnen-Verein e.V. Er stand Frauen ab 18 Jahren offen, bot Kurse in Aktzeichnen und Lithografie, führte gemeinsame Werkbesprechungen durch, veranstaltete Vereinsabende und Exkursionen. Vor allem leistete er eine Vernetzung der Künstlerinnen, bot Ausstellungsmöglichkeiten und damit die Möglichkeit zum Verkauf. Die meisten Stuttgarter Künstlerinnen verbanden ein Studium an der Akademie mit der Mitgliedschaft im Verein. Als erste Vorsitzende trieb Anna Peters diese Entwicklung bis 1919 entscheidend voran.