Jenseits aller Konventionen

Käthe Kruse. Ein Leben

Die berühmteste Puppenmacherin aller Zeiten war vor allem eines nicht: so niedlich und süß wie ihre Puppen, die sie nach dem Vorbild ihrer zahlreichen Kinder schuf.
In einer Zeit, die Frauen zu Sanftmut und Anpassungsfähigkeit zwang, war Käthe Kruse mutig und wild, ebenso leidenschaftlich wie leidensbereit, ebenso zielstrebig wie verantwortungsbewusst. Sie liebte den 30 Jahre älteren Bildhauer Max Kruse, bekam von ihm ohne Trauschein zwei Töchter, musste deshalb Berlin verlassen, tanzte auf dem schweizerischen Monte Verità und malte Bilder ihrer Einsamkeit. Eine Kämpferin in einem schmalen zarten Körper mit einem eisernen Willen, schuf sie eine Weltmarke und schrieb Unternehmens- und Kulturgeschichte.

 

Ausgesetzt auf dem „Berge der Wahrheit“

Wo sich die Schwangere nach ihrem Aufbruch aus Berlin aufgehalten hat, bleibt unbekannt. Jedenfalls kämpfte sie von dort aus zäh darum, dass ihre Mutter sich ihr wieder anschloss und schrieb ihr am 5. Mai 1904 in schroffem Ton: „Was soll ich dir darauf sagen? Wenn du Mut und Kraft hast – dann ist doch alles Reden überflüssig. Nicht? Und wenn du sie nicht hast – was soll das Reden. Ich werde nie klug, was du – kurz und klar gesprochen – willst. Bitte denk doch daran, dass die Situation für mich auch nicht gerade glücklich ist. Der einzige Weg ist doch schließlich – sich so viel als möglich zu bemühen aufeinander Rücksicht zu nehmen. Aber du denkst immer – ich nehme keine. Und das ist der Kardinal-Fehler.“
Mit dem Rücken zur Wand stehend, verteidigte sie Max mit großem Pathos: „Ich habe dir schon oft gesagt, dass es Max‘ Lebensidee ist – dass es keine unehelichen Kinder gibt – sondern, dass jedes Verhältnis zwischen Mann und Frau, aus dem ein Kind hervorgegangen ist – als Ehe zu betrachten ist. Sein ganzes bisheriges Leben war eine Vorbereitung zu der Ehe, die wir jetzt führen.“
Im Vergleich mit so erhabenen Idealen erschien jeder Einwand der Mutter belanglos. Im Gegenteil, Katharina griff die Mutter in ihrer Verzweiflung sogar ganz frontal an: „Seltsam, dass gerade du nach der standesamtlichen Ehe für mich verlangst, wo du doch immer so stolz bist, so selbständig durchgekommen zu sein. Und es ist dir doch ganz gut gegangen. Nicht. Ergo brauchst du dich doch um mein Glück nicht zu sorgen, das natürlich dazu gehört – dass ich meinen Beruf wieder habe – ist selbstverständlich – und du weißt doch – dass ich das mit allen Mitteln erstrebe.“ Die Enttäuschung der Mutter über die Tochter wird trotz aller Chuzpe, die Käthe in diesem Brief an den Tag legt, deutlich. Christiane Simon hatte ihr eine gute Berufsausbildung ermöglicht, damit sie einen Beruf ergreifen konnte und nicht ein Leben führen musste wie sie selbst. Diesen Weg hatte Katharina wegen eines Mannes abgebrochen, der auch mit zwei Kindern nicht daran dachte, sie zu heiraten. Es stand in den Sternen, wie sie sich und ihre Kinder ernähren wollte.